'Die Einheit - Drei Jahrzehnte ohne Bewährung'
stand vor zwei Jahren als Untertitel auf dem Cover des Buchs 'Tamtam und
Tabu' von Daniela Dahn und Rainer Mausfeld. Verlegt wurde es zum 30. Jahrestag
des wieder- oder niedervereinigten Deutschland. Dieser Tage ist eine aktualisierte,
erweiterte Fassung erschienen, die an die Gegenwart herangeführt wurde.
Die neue Unterzeile lautet 'Meinungsmanipulation von der Wendezeit bis zur
Zeitenwende'. Der Mainstream nahm das Buch nicht zur Kenntnis, obwohl (oder
eher weil) darin auch die Meinungsmache durch die Medien seziert wird. Tamtam
und Tabu wurde und wird nur in Blogs rezensiert – und bei Amazon von
einem Dutzend begeisterter Leser.
Der Mainstream schweigt dröhnend. Steht Verwerfliches im Buch, ist
es gar dumm? Im Gegenteil. Darin steht Wahres und Nachdenkenswertes. Dass
die Autoren lange nachgedacht haben, ehe sie es aussprachen und aufschrieben,
spürt man in jeder Zeile. Ich stimme nicht hundertprozentig zu (die
beiden sind ja auch gelegentlich unterschiedlicher Meinung), doch selbst
wenn sie etwas anderes sagen, als ich für richtig halte, handelt es
sich um kluge und daher auch wichtige Gedanken. Die Meinungsmache durch
Propaganda betrifft alle, denn wir sind ihr täglich ausgesetzt. Und
sie ist bei vielen (um nicht zu sagen: bei den meisten) verheerend wirksam.
Mit Tamtam ist nicht der große chinesische Gong gemeint, sondern die
daraus abgeleitete übertragene Bedeutung: Lärm machen, laut und
intensiv Propaganda verbreiten. Das Gegenteil davon ist Tabu – das
Verschwiegene, das Verbotene. Mit Tamtam – Verdrehungen, Übertreibungen,
Lügen – wurde das, womit man Menschen dazu bringen kann, zu wollen,
was sie nicht wollen, so kräftig propagiert, dass es sich durchsetzte,
und das von der Wende bis zur Corona- und Ukrainekrise. Und Fakten und Ereignisse,
die nicht in die Propagandaschublade passten, wurden verschwiegen, marginalisiert.
Sie wurden zum Tabu.
In sechs Gesprächen, die den essayistischen Hauptteil rahmen, blicken
sie auf die Realität hinter der Rhetorik. Vorangestellt ist das jüngste
Gespräch. Darin geht es um den Ukrainekrieg. Der Einmarsch der russischen
Truppen war ein Zivilisationsbruch. Er bringt uns einem Weltkrieg näher.
Der kann beim gegenseitigen Hochschaukeln durch Drohungen, Schüsse,
Terroraktionen entstehen. Die Autoren wissen natürlich, dass der Krieg
bereits vor acht Jahren ausbrach, gleich nach dem Maidan-Putsch. Und dass
der Westen Russland auch schon vorher hemmungslos provozierte und alle Friedens-
und fast alle Handelsvorschläge nicht zur Kenntnis genommen oder abgeschmettert
wurden. Die Ukraine wurde wie ein Nato-Mitglied aufgerüstet. Die großen
Medien trieben die Regierungen vor sich her zur Ausweitung des Krieges.
Die Moral, von der aus der Westen Russland kritisiert, steht auf tönernen
Füßen, denn die USA und die Nato haben auch völkerrechtswidrige
Kriege geführt. Die EU hat bei der Ukraine-Krise in historischem Ausmaß
versagt und wird zu den großen Verlierern gehören.
Über ein friedliches Miteinander nachzudenken, ein Wort wie 'Verhandlungen'
auch nur auszusprechen, klingt schon fast defätistisch. Gefragt sind
die propagandistischen Durchhalte- und Hochrüstungsparolen. Was früher
geschah und früher auch von denselben Medien gelegentlich berichtet
wurde (beispielsweise dass die Asow-Truppen – und nicht nur sie –
tatsächlich Nazis sind und gern Hakenkreuze auf ihre Panzer gemalt
haben oder dass der Krieg bereits 2014 begann – gegen einen Teil der
eigenen Bevölkerung), hat nie stattgefunden oder gibt es nicht. Wahr
ist nur das, was mit maßloser Propaganda den Massen serviert wird.
Der Rest des Buches widmet sich einem anderen Schwerpunkt: 'Volkslektüre.
Eine Presseschau' von Daniela Dahn ist das umfangreichste Kapitel. Es gab
Ereignisse, deren akribische Darstellung selbst Menschen, die dabei waren
(wie ich), überrascht. Die Sichtung von Publikationen aus den Jahren
1989 und 1990 ergibt fast schon Sensationelles, wenn man nur die offizielle
Geschichtsschreibung und die Vereinigungsjubiläen-Reden kennt.
Als die Mauer gefallen war, konnten bald darauf auch Westzeitungen für
Ostgeld gekauft werden, so dass die Propaganda sich schnell verbreitete.
Zunächst wurde an der Delegitimierung der bisherigen Regierung gearbeitet,
damit von Anfang an klar ist, dass aus dem Osten nichts Gutes kommen konnte.
Die Parteiführung sei nicht nur korrupt, sondern vor allem auch heuchlerisch.
Erich Honecker besaß laut Spiegel 14 Luxuswagen (er besaß kein
einziges privates Auto). Sein Nachfolger Egon Krenz kutschierte in einem
Jaguar herum und war laut Bild hinter feschen Mädels aus der FDJ her,
Wodka war ihm lieber als Glasnost, und so wurde er der flotte Egon oder
Don Promillo genannt (von der Lotterlebensbeschreibung war kein Wort wahr).
Die Funktionäre lebten in Wandlitz in luxuriösen Häusern
mit Marmor an den Wänden (das ist eher sozialer Wohnungsbau als Luxus,
spottete eine West-Besucherin).
Das, was gerade geschehen war, wurde im Eiltempo umgeschrieben. Auf der
Leipziger Montagsdemo am 9. Oktober 1989 sei skandiert worden: 'Wir sind
ein Volk'. Dabei wurde damals noch das emanzipatorische 'Wir sind das Volk'
gerufen. Um die Vereinigung ging es noch nicht, sondern eher um die Einführung
von Glasnost und Perestroika in der DDR. Die Ergebnisse einer repräsentativen
Umfrage in der DDR wurden (immerhin) im Spiegel 52/1989 bekanntgegeben.
27 % wollten, dass DDR und BRD einen gemeinsamen Staat bilden. 71 % sprachen
sich dafür aus, die DDR solle ein souveräner Staat bleiben. 44
% konnten sich in der Zukunft eine Konföderation vorstellen. Dass sich
so wenige eine schnelle Vereinigung wünschten, missfiel Kohl. Das musste
die Propaganda bereinigen. Es geschah Schritt für Schritt, von Daniela
Dahn tagesgenau erzählt und mit Zeitungsausschnitten belegt.
Am Ende des Buches sind Faksimiles von Zeitungen zu finden. Krawallige Überschriften,
verlogene Artikel. Honecker hatte 100 Millionen auf dem Konto, Modrow ließ
das Volk prügeln, DDR in Not – Angst vor Hunger. Nichts davon
ist wahr. Dass die DDR vor dem Zusammenbruch steht, ging auf eine Äußerung
Kohls zurück: Modrow habe ihm das bei einem Vieraugengespräch
mitgeteilt. Nur dass Modrow davon nichts wusste und dass es nicht stimmte.
Der Staat ist pleite? fragten sich viele. Dann ist es wohl sicherer, wir
wählen die schnelle Vereinigung. Binnen einer Woche drehte sich die
Meinung vieler (vor allem bis dato Unentschlossener).
Die großen Westparteien unterstützten massiv ihre östlichen
Pendants. Die Ost-CDU und zwei kleinere Bürgerbewegungen schmiedeten
die Allianz für Deutschland, die verlautbarte, dass sie auf schnelle
Währungsunion und schnelle Vereinigung setzen wolle. Unterstützt
wurde die Allianz mit mehreren Millionen Wahlkampfhilfe. Sie schickten im
Westen gefertigte Plakate und wohl auch ein paar Leute, die erwünschte
Losungen skandierten wie: Wir sind ein Volk. In der letzten Woche vor den
Wahlen zur Volkskammer schlug die Stimmung dann um, verlor der als sicher
gewähnte Gewinner SPD Stimmen (die war für ein langsames Zusammegehen),
die CDU erhielt den Zuschlag. Es war nicht der Druck der Straße, der
die schnelle Vereinigung erzwang. Es war die westforcierte Propaganda, die
in den letzten Tagen vor den Wahlen eine knappe Mehrheit für den Anschluss
schuf.
Wenn wir uns schon vereinigen müssen, dann wenigstens nach Artikel
146 des Grundgesetzes, sagten viele der Bürgerbewegten. Der zentrale
Runde Tisch entwarf eine Verfassung, die bei einer Wiedervereinigung vom
ganzen deutschen Volk zu bestätigen wäre. Der Entwurf sah auch
plebiszitäre Elemente vor und legte großen Wert auf Soziales
und Umwelterhaltung. Die Volkskammer nahm ihn nicht zur Kenntnis, desgleichen
der Bundestag. So kam es zum 'Beitritt' nach Artikel 23 GG. Und die DDR
wurde bei den Verhandlungen über den Tisch gezogen. Die Inbesitznahme
der DDR durch den Kapitalismus war einer der größten Raubzüge
in der deutschen Geschichte.
Das war jetzt sehr stark gerafft, noch dazu in meinen Worten. Im Buch wird
das und mehr Tag für Tag oder zumindest Woche für Woche untersucht
und belegt. Wer es genauer wissen will und wer auch etwas über die
kognitiven Prozesse erfahren will, die bei Manipulationen wirken, greife
einfach zum Buch. Es lohnt sich.
Hartmut Mechtel