| 2002: Kapiäne sterben um
Mitternacht
Ein Hansekrimi
Die Hanse
| Sabine Groenewold Verlage
Klappentext:
Hamburg um 1611: Die Stadt ist zu einem der größten
Handelszentren an der Nordsee geworden. Engländer, Niederländer,
Italiener, Portugiesen, Franzosen und deutsche Fernhändler
aus allen Gegenden des Reiches bevölkern den Hafen. Die
starren Vorschriften der Hanse sind den Hamburger Kaufleuten
mittlerweile lästig. Die Hanse gibt es seit vier Jahrhunderten
- ein alter überlebter Club. Wie anders tritt die Vereinigte
Ostindische Kompanie auf, die zum Neid der Hanseaten innerhalb
eines kurzen Jahrzehnts zur wichtigsten handelsmacht der Welt
aufgestiegen ist. Da will man mithalten ... Im Wege stehen den
Hamburgern nur die Piraten, die sich, in der Hoffnung auf reiche
Beute, auf einer nordfriesischen Insel sammeln. Nach dem Mord
an zwei Kapitänen wird der Wundarzt Valten Went beauftragt,
die Täter zu finden, doch die Serie der Anschläge
setzt sich fort, bis er endlich auf eine Spur stäßt,
die ihn nach Hamburg führt ...
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Auszug:
1
Nordsee, Frühjahr 1611
Karg war die Insel und flach. Es gab keine Klippen,
keine Steilküste, und statt Bergen nur Hügel und Dünen.
Die Gräser sahen selbst im Frühjahr eher gelblich als grün
aus, und die Kiefernwälder waren kümmerlich, was vor allem
am Kahlschlag lag. Denn die Insel war besiedelt. An einem Ende gab
es ein Dorf, in dem Bauern und Fischer wohnten, kaum mehr als hundert
Häuser und Hütten, umgeben von Feldern, auf denen die frische
Saat zu sprießen begann. Und am anderen Ende der Insel, ein
paar Meilen über Land, stand ein zweites Dorf, das nur wenig
größer war, obwohl hier viel mehr Menschen lebten. Aus
Lehm oder gar Stein gebaute Häuser waren hier nicht zu entdecken,
nur mehr oder minder roh gezimmerte hölzerne Bauten, zumeist
aus dem wenig bearbeiteten Holz der Kiefern, aber auch mit den Brettern
und Balken ausgeschlachteter Schiffe errichtet. Das war der Schlupfwinkel
der Nordseepiraten. Von den Bauern und Fischern wurden sie, nachdem
die Oberen beider Seiten einen Vertrag abgeschlossen hatten, anfangs
zähneknirschend geduldet, und selbst das Knirschen besorgten
die Dörfler angesichts der bewaffneten Übermacht nur sehr
leise. Mittlerweile, nach zwei Jahren, hatten sie das Knirschen eingestellt,
denn zwischen beiden Dörfern blühte ein reger Tauschhandel,
sehr zum gegenseitigen Vorteil. So hatten die Bauern denn anfangs
aus Angst und Vertragstreue, später aus Bedachtsamkeit für
den eigenen Nutzen strenges Stillschweigen über die andere Ansiedlung
bewahrt. Die Gefahr zufälliger Entdeckung des Piratennestes war
gering. Zwar gab es keine Möglichkeit, die acht Schiffe in der
Bucht durch Klippen, Hügel oder Bauten zu tarnen, doch lag diese
Bucht auf der meerabgewandten Seite der Insel, und dort entlang führte
keine der üblichen Schiffahrtsrouten. So mußte sich ein
Segler schon verfahren haben, um den Schlupfwinkel der Piraten von
See aus zufällig entdecken zu können, und das war in den
vergangenen zwei Jahren noch nicht vorgekommen. Über das Land
hinweg waren die Schiffe denn doch nicht zu entdecken, so breit und
hüglig war die Insel immerhin.
Am frühen Morgen wirkte das Dorf wie ausgestorben. Auf Wachen
hatten die Piraten verzichtet; sie fühlten sich hier sicher.
Mit der friesischen Dorfgemeinschaft lebten sie in Frieden, andere
Menschen waren nicht auf der Insel, und gegen eine Invasion von See
her waren sie gerüstet, denn auf den Schiffen war eine Restmannschaft
verblieben, und mindestens einer davon war auf jedem der Segler auch
zu dieser frühen Stunde auf Posten. So rührte sich auch
nach dem ersten Hahnenschrei niemand. Es gab keinen Grund, jetzt schon
aufzustehen. Die meisten hörten das Krähen nicht einmal,
obwohl es sehr laut und durchdringend war und ganz aus der Nähe
kam. Denn sie hatten ein eigenes Gehege für mehrere hundert Hühner,
und es gab auch, wie auf der anderen Seite der Insel, Getreidefelder.
Dies war ein ganz normales Dorf, abgesehen davon, daß seine
Bewohner nur gelegentlich auch Bauern und Fischer waren.
Der Hahn war schon heiser, als sich die ersten Männer vor den
Häusern zeigten. Müde tappten sie an die Hinterwände
ihrer Häuser und verrichteten ihr Geschäft. Dann taumelten
sie schlaftrunken auf den unbefestigten Wegen wieder in ihre Häuser
zurück. Es verging noch eine Viertelstunde, ehe das Dorf tatsächlich
erwacht war. Auch da bemerkte man noch wenig vom Leben und Treiben,
denn das Morgenmahl wurde in den Häusern zubereitet und verzehrt.
Erst danach begannen die Arbeiten im Freien, die sich kaum von denen
auf der anderen Seite der Insel unterschieden. Einige Männer
widmeten sich der Landwirtschaft, andere fuhren in Ruderbooten zum
Fischen hinaus, wieder andere befaßten sich mit Zimmermannsarbeiten,
die angesichts des dürftigen Zustands vieler Häuser und
der Notwendigkeit, weitere Bauten zu errichten, besonders dringlich
waren. Der einzige Unterschied zum Dorf am anderen Ende der Insel
war, daß keine Frauen zu sehen waren. Dies war eine Männergemeinschaft.
Auf knapp achthundert Männer kamen nur fünf Frauen, von
denen zwei außer für ihre Bewacher unsichtbar waren, während
die anderen drei als Huren vor allem an Abenden sehr wohl für
alle sichtbar waren, die sie sehen wollten.
Die friedliche Dorfidylle änderte sich, als einer der Männer
aufgeregt die am stabilsten Haus angebrachte Glocke läutete und
laut schrie. Zunächst verstand ihn niemand. Nicht, weil er so
undeutlich gesprochen hätte, er brüllte nur ein Wort, und
das war eigentlich ganz klar, aber unglaublich. »Mord!«
schrie er. »Mord!« Und er läutete Sturm.
Wer in der Nähe war, ließ seine Arbeit ruhen und eilte
herbei. Aus dem soliden Holzhaus, an dem sich die Glocke befand, trat
ein Mann heraus. Er war etwa vierzig Jahre alt, seine dunkelbraunen
Augen blickten auf eine so wilde wie melancholische Art aus dem scharf
geschnittenen, vollbärtigen Gesicht. Er trug ein Hemd aus knallblauer
Seide, darüber eine Weste aus dunklem Leder, eine pludrige braune
Kniehose aus flämischem Tuch, ein paar kräftige schwarze
Lederstiefel. Um den Bauch hatte er einen breiten schwarzen Ledergürtel
geschnallt, an dem das Gehänge für seinen Degen befestigt
war. Ohne Waffe ging er nicht ins Freie, das war er seinen Rang schuldig.
Sein Name war Paul Claen. Er war einer der Kapitäne und galt
als das Oberhaupt dieser kleinen Gemeinschaft, denn er hatte die Niederlassung
gegründet und die anderen Piraten bei sich aufgenommen.
Bei seinem Erscheinen trat Ruhe ein. Der nervöse Pirat stellte
das Läuten ein, und auch die anderen verharrten schweigend. Ein
paar Nachzügler kamen noch herbeigelaufen, doch deren Eintreffen
wartete Claen nicht ab.
»Was ist geschehen?« fragte er mit seiner so kräftigen
wie tiefen Stimme.
»Einem Mord!« brüllte der Pirat. Obwohl er schrie,
war er nicht so laut wie Kapitän Claen. »Captain Bird!
He is dead! Ermordet! In seiner Hutte!” Er sprach das deutsche
Platt mit starkem Akzent, war aber gut zu verstehen. Die Piraten waren
ein Vielvölkergemisch. Vier der Schiffe kamen aus deutschen Landen,
aber es gab auch eine spanische Besatzung, eine niederländische,
einen portugiesische und eine englische. Die allgemeine Verständigungssprache
war deutsch, und viele der Ausländer hatten sie über den
langen Winter gelernt. So verstand jeder der Anwesenden, was der Engländer
gesagt hatte. Sein Kapitän war über Nacht ermordet worden.
Aufgeregtes Stimmengewirr erhob sich. Claen sorgte für Ruhe.
»Sehen wir erst einmal nach«, sagte er. »Nicht alle!
Das wird zu viel. Wo ist Valten?«
»Hier«, sagte ein junger Mann und drängelte sich
durch die Reihen.
»Du kommst mit. Vielleicht ist ja noch etwas zu machen.«
Valten Went nickte. Er war ein hochgewachsener, schlanker Mann mit
von Natur aus sehr ernstem Gesicht. Sein dunkelbraunes Haar wallte
in langen Locken herunter. Der Bart war sorgfältig gestutzt.
Mit seiner sehr bürgerlichen, gut gepflegten Kleidung stach er
von dem verwilderten Haufen ab. Und er war auch nicht eigentlich ein
Pirat. Valten Went war der Wundarzt von Kapitän Claen. Viele
Piratenschiffe hatten Ärzte oder Heilkundige an Bord; zu oft
wurden deren Dienste nach Gefechten benötigt. Valten Went hatte
die Heilkunde studiert, war aber zu unbemittelt, eine Niederlassung
in seiner Heimatstadt Lübeck zu gründen. So hatte er sich
bei einer Handelsgesellschaft verdingt und war bereit gewesen, mit
einem Lübecker Schiff in See zu stechen. An Bord hatte er schnell
bemerkt, daß er durch seinen Vertrag fast zu einer Art Sklaven
der Handelsgesellschaft geworden war. Die Gesellschaft durfte alles,
er durfte nichts. In der Nordsee war das Schiff von Piraten überfallen
worden. Viele Männer starben beim Kampf. Valten geriet nicht
in Gefahr, denn wenn er auch Lohnsklave der Gesellschaft war, daß
er kämpfte, erwartete niemand von ihm.
Des zähen Widerstands wegen war Kapitän Claen aufgebracht
und ließ einen großen Teil derer, die den Kampf überlebt
hatten, über die Planke gehen. Auch Valten wäre wohl gestorben,
hätte er nicht gebrüllt, er sei Arzt. Das interessierte
Claen, und so stellte er ihm die Frage: Was tut Ihr, wenn ich Euch
das Leben schenke? – Ich diene Euch, hatte Valten erwidert.
So war er zu den Piraten gekommen. Jetzt war er schon drei Jahre dabei,
und er bereute es nicht. Die Kämpfe und das häufig darauf
folgende blutige Gemetzel verabscheute er zwar, doch er mußte
ja nicht daran teilnehmen. Nur mit den Folgen hatte er sich zu beschäftigen.
Arbeit gab es reichlich, aber der Lohn war nicht schlecht. Die Beute,
sofern sie nicht aus Naturalien bestand, wurde aufgeteilt. Jeder Matrose
erhielt einen einfachen Anteil, der Steuermann erhielt zwei Anteile,
der Kapitän vier. Ein Wundarzt war dem Steuermann gleichgestellt.
Noch drei oder vier Jahre, und Valten hatte ausgesorgt und konnte,
sofern er die Rückkehr ins bürgerliche Leben schaffen würde,
in Lübeck seine Praxis eröffnen.
Der Engländer, Kapitän Claen und Valten Went betraten das
Häuschen, in dem der englische Kapitän wohnte, wenn er an
Land war. Der Haufen der anderen blieb vor der Tür zurück.
Hinter dem Eingang lag gleich das größere der beiden Zimmer,
der Wohnraum, karg ausgestattet mit einem Tisch, zwei Stühlen
und einer großen Anzahl von Truhen. Es gab auch eine Kochstelle
und ein wenig Geschirr. Ein Mensch befand sich nicht im Raum.
Der englische Matrose führte die beiden in den kleinen Schlafraum.
Beim Schlafen legte Kapitän Bird Wert auf Bequemlichkeit. Es
gab ein großes und offenkundig weiches, bequemes Bett, erbeutet
in der Kapitänskajüte eines überfallenen Schiffes.
Die dicke Decke war zurückgeschlagen. Kapitän Bird lag auf
dem Rücken. Seine Augen standen offen, doch er sah nichts mehr.
In seiner Brust, genau in der Gegend, wo sein Herz zu vermuten war,
gab es einen Einstich. Blut war aus der Wunde getreten, hatte das
weiße Wollhemd durchtränkt, aber der Fleck war nicht groß.
Claen nickte seinem Wundarzt zu, und der trat an das Bett heran und
untersuchte den englischen Kapitän. Da gab es nichts mehr, was
er tun konnte.
»Ein Messerstich«, sagte er. »Bird war sofort tot,
wie man daran sieht, daß so wenig Blut ausgetreten ist. Eindeutig
Mord. Falls er geruht hat, war keine Gegenwehr möglich, und falls
er geschlafen hat, sowieso nicht. Ich denke, er ist im Schlaf gestorben.
Die Augen stehen offen, weil er im Moment des Stichs erwacht ist,
aber ich denke, er hat seinen Mörder nicht mehr gesehen, und
falls doch, kann er uns nicht mehr sagen, wer es war. Die Haut ist
kalt, die Glieder sind steif. Ich denke, er ist schon ein paar Stunden
tot. Vielleicht seit Mitternacht, aber das ist eine sehr ungenaue
Schätzung. Es gibt keine Spuren eines Kampfes. Ob etwas gestohlen
würde, müssen wir feststellen, vielleicht weiß ja
jemand von seiner Besatzung, was für Schätze er hier gehortet
hat. Aber auf den ersten Blick wurde nichts durchwühlt, die Truhen
waren alle verschlossen, soweit ich eben gesehen habe. Mehr kann ich
nicht sagen.«
»Das war ja schon eine ganze Menge«, sagte Claen. »Jetzt
ist es an mir, etwas zu sagen. Einer von uns ist ermordet worden.
Das muß aufgeklärt werden. Ich bin nicht willens, das so
einfach hinzunehmen.«
»Wer soll das aufklären?« fragte Valten. »Wir
haben hier weder Büttel noch Constabler, es gibt keine Gerichte.«
»Ein Gericht können wir selber bilden«, sagte Claen.
»Aber erst einmal müssen wir den Täter finden. Ich
rufe den Kapitänsrat zusammen, vielleicht fällt uns ja etwas
ein.«
Der englische Matrose wurde angewiesen, im Haus Wache zu halten, bis
über das weitere Vorgehen entschieden war. Dann begaben sich
Claen und Valten Went zurück ins Freie und liefen zurück
zum Haus von Claen. Der Kapitän läutete selber die Glocke,
nicht so wild, wie zuvor der erregte Engländer, sondern nach
einem bestimmten System. Zwei Schläge, eine Pause, drei Schläge,
eine Pause, vier Schläge. Das war das Signal für die anderen
Kapitäne, sich zur Beratung einzufinden. Es würde einige
Zeit vergehen, denn drei davon übernachteten an Bord ihrer Schiffe.
Für sie gab es noch keine standesgemäßen Häuser
an Land, sie waren erst im vergangenen Herbst zur Gemeinschaft gestoßen.
Fünf hingegen übernachteten an Land. Seltsamerweise waren
nur zwei von ihnen auf den Alarmruf hin hinausgetreten, der dritte,
der niederländische Kapitän, fehlte.
»Sieh mal nach, was mit Jacobszoon ist«, forderte Claen
seinen Wundarzt auf. »Der war wohl gestern betrunken, daß
er so überhaupt nicht aufwacht.«
Diese Sorte von Aufträgen ärgerte Valten Went. Er war doch
kein Matrose, den man für Botengänge einsetzen konnte! Aber
er begehrte nicht gegen das Ansinnen seines Kapitäns auf. Claen
duldete keinen Widerspruch.
Langsam schlenderte er hinüber zum kleinen Haus des Holländers.
Er klopfte an die Tür, dann öffnete er sie. Drinnen sah
es so ähnlich aus wie bei dem Engländer, nur daß es
an den Wänden etwas mehr Zierrat gab. Der Holländer war
offensichtlich länger im Geschäft als der Engländer.
Oder erfolgreicher.
Irgendwie hatte Valten es erwartet, was er zu sehen bekam. Kapitän
Jacobsen lag auf seinem Bett, die Decke war aufgeschlagen, in der
Brust gab es einen Einstich, wenig Blut war ausgetreten, die Augen
standen offen und sahen glasig aus. Der Wundarzt erschrak nicht. Er
trat an das Bett heran, untersuchte die Wunde. So groß wie die
andere. Möglicherweise dasselbe Messer, zumindest eines von gleicher
Art. Keine Spuren eines Kampfes. Auch der Holländer war im Schlaf
gestorben. Die Haut war kalt, die Totenstarre hatte bereits eingesetzt.
Er ist auch um Mitternacht gestorben, schätzte Valten.
Da niemand im Hause war, sah sich Valten etwas genauer um. Er ging
in den Wohnraum, versuchte, eine der Truhen zu öffnen. Sie war
verschlossen, das Schloß sah unbeschädigt aus. Auch zwei
weitere Truhen waren verschlossen. Die vierte hingegen ließ
sich leicht öffnen. Darin lagen sehr ordentlich seidene Gewänder
und einige goldene und silberne Becher. Wie es schien, war nichts
gestohlen worden. Das machte den Mord sehr rätselhaft. Sorgfältig
schloß Valten Went die Truhe und verließ das Haus. Er
lief zurück zum Haus von Claen und teilte dem Kapitän leise
mit: »Auch ermordet. Auf die gleiche Weise.«
Sein Kapitän glaubte ihm nicht und mußte es selber sehen.
So gingen sie denn zum Haus des Holländers, Claen betrachtete
die Bescherung, schüttelte den Kopf und kehrte versonnen zu seinem
Haus zurück.
Noch immer stand der Haufen der Piraten diskutierend beieinander.
Daß der Holländer auch tot war, hatte zwar niemand gehört,
aber aus dem Benehmen von Claen und Went ließ es sich leicht
folgern. Eine unheimliche, gedrückte Stimmung lag über dem
Dorf.
Claen besann sich seiner Führungsrolle und erhob seine Stimme:
»Hört her!« rief er. »Zwei Kapitäne sind
heute nacht in ihren Betten erstochen worden. Ich verspreche euch,
daß wir den Mörder finden und grausam bestrafen werden.
Im Augenblick können wir aber nichts weiter tun. Ich werde mit
den anderen Kapitänen beraten, und ihr erfahrt alles, was zu
wissen nötig ist. Bis dahin kehrt an eure Arbeit zurück.
Die muß getan werden, auch wenn es schwer fällt. Freut
euch, daß ihr alle noch lebt, und macht etwas daraus! Einen
Moment noch! Das gilt nur für die Engländer und die Niederländer!
Ihr müßt einen neuen Kapitän aus eurer Mitte wählen.
Wenn ihr euch beeilt, dann kann er noch an unserer Beratung teilnehmen.
Alle anderen: An die Arbeit!«
Obwohl seine Stimme Gewicht hatte, dauerte es doch geraume Zeit, bis
tatsächlich jeder an seine Arbeit zurückgekehrt war. Inzwischen
waren schon zwei weitere Kapitäne eingetroffen, und das Boot
des dritten war nur noch wenige Ruderschläge vom Strand entfernt.
Der niederländische Steuermann gesellte sich zu der kleinen Gruppe
um Claen und teilte mit, die Wahl sei, wie zu erwarten, auf ihn gefallen.
Von den Engländern hingegen ließ sich niemand blicken,
ihnen schien die Kapitänswahl schwerer zu fallen. So waren es
denn sieben Kapitäne, die das Haus von Claen betraten.
Im Unterschied zu den beiden toten Kapitänen, die nur gehaust
hatten, lebte er wirklich hier. Von innen sah man nicht einmal, daß
es nur eine rohe Holzhütte war. Die Wände waren mit Stoffen
verkleidet, und die Dekoration wirkte überladen mit ihren silbernen
Ketten, mit Goldbechern auf Borden, mit einigen erbeuteten Admirals-
und Königsporträts, mit sonderbaren, fremdartigen Ziergegenständen,
mit den zahlreichen, meist silberbeschlagenen Truhen, mit einem großen
dunklen Schrank und zwei kleinen, mit Silberbesteck und anderem edlen
Küchengerät bedeckten Tischchen. In der Mitte des Raumes
stand ein großer, massiver Tisch mit zehn Stühlen, nicht
unähnlich dem, der im Tagungsraum des Hamburger Stadtrates stand,
nur daß Claens Raum wesentlich reicher ausgestattet war. Dort
nahmen die sieben Kapitäne Platz. Claen saß an der Stirnseite,
die anderen hatten ihre Stammplätze zu beiden Seiten, und dem
Niederländer wurde gezeigt, wohin er sich setzen durfte.
»Wir haben eine ernste Situation«, sagte Claen. »Die
an Land waren, wissen es schon, für die anderen: Die Kapitäne
Bird und Jacobszoon wurde heute nacht in ihren Betten ermordet. Beide
starben durch einen Messerstich ins Herz, beide waren sofort tot,
sagt mein Wundarzt. Es gab keinen Kampf, und soweit wir wissen, wurde
nichts gestohlen.«
Der Spanier und der Portugiese, wiewohl der deutschen Sprache in mehr
als nur den Anfangsgründen mächtig, hatten Claen nicht richtig
verstanden, und er wiederholte in holprigem Spanisch, was er gesagt
hatte.
»Unfaßbar!« sagte Nicolaus Jarre, einer der deutschen
Kapitäne. »Wenn wir in unserem eigenen Ort unseres Lebens
nicht mehr sicher sind ...« Er brach ab.
»Wir müssen etwas unternehmen«, sagte der Holländer,
entschlossen, sich als Kapitän zu bewähren.
»Meine ich auch«, sagte Claen. »Und was?«
»Wir werden die Wahrheit durch Folter herauspressen.«
Claen lachte. »Wen willst du denn foltern, äh ...«
»Pelsaert«, stellte sich der Niederländer vor. »Die
Schuldigen! Wen sonst.«
»Gern«, sagte Claen. »Wir müssen sie nur erst
finden. Oder willst du alle unsere achthundert Leute der Reihe nach
foltern? Das würden sie sich kaum gefallen lassen, und es wäre
auch nicht gerecht.«
»Aber irgend jemand müssen wir foltern!« schrie Pelsaert.
»Ganz ruhig«, sagte Corazón, der Spanier, mit starkem
Akzent. »Ich verstehe, du sehr erregt, war dein Capitán.
Könnte auch einem anderem sein. Einem von uns. Was ist das? Revolution
gegen die Obrigkeit?«
»Das werden wir herausfinden«, versprach Claen.
»Wie denn?« fragte Mantigao, der Portugiese. »Wir
sind auf so etwas, wie heißt das, nicht vorgestellt ...«
»Eingestellt oder vorbereitet«, half Claen.
»Sim. Wir haben keine Polizei ...«
»Und gut so!« unterbrach Claen. »Die würde
doch zuerst uns festnehmen und zum Richtblock schleifen!«
»Sim, gut so«, stimmte der Portugiese zu. »Aber
was können wir tun?«
»Ich hatte auf einen Vorschlag von euch gehofft«, sagte
Claen.
»Die Wahrheit findet man nun einmal durch Foltern«, sagte
Hans Stoeff, einer der deutschen Kapitäne. Und er sah dabei sehr
finster aus. »Daß einer von uns ermordet wird, ist schon
schlimm, aber das könnte noch der Racheakt einer unzufriedenen
Mannschaft sein. Wenn aber zwei von uns sterben, dann sieht das nach
einer Verschwörung aus. Ich stimme Capitán Corazón
voll und ganz zu. Das ist eine Verschwörung gegen die Obrigkeit.
Und die ist um so unverständlicher, als es den Leuten gut geht.
Wir sind nicht so harte Herren wie die Fürsten oder die Ratsmänner
in den Städten an Land. Bei uns hat niemand etwas auszustehen.
Wir teilen alles gerecht auf. Bei uns kommt niemand zu kurz. Die Kapitäne
bekommen etwas mehr, aber das ist nur billig und bisher von allen
anerkannt worden, und soviel mehr ist es auch wieder nicht. Ich kann
mir vielleicht vorstellen, daß es an Land Verschwörungen
und Rebellionen gegen harte Fürsten gibt, aber ich kann mir nicht
vorstellen, daß es so etwas bei uns gibt. Das macht die Morde
unergründlich, ja, unheimlich. Warum sollte einer unserer Leute
zwei Kapitäne abstechen wie Schweine? Wir müssen es durch
Folter aus den Verschwörern herausholen.«
»Stoeff«, sagte Claen, »ich wiederhole mich nur
ungern, aber bei wem willst du mit dem Foltern anfangen? Wir brauchen
erst einmal eine Spur. Einen der Täter müssen wir finden,
und wenn wir ihn haben, dann können wir ihn nach Herzenslust
foltern, bis er gesteht, vom Teufel geschickt zu sein, oder wer immer
ihn verleitet hat. Das Problem ist: Wie finden wir ihn?«
»Fangen wir bei den Mannschaften der Schiffe an, deren Kapitäne
ermordet wurden«, schlug Lorenz Kunow vor, der vierte deutsche
Kapitän. »Vielleicht bei den Engländern, die sich
nicht mal über die Nachfolge einigen können. Da stimmt doch
etwas nicht!«
»Und wenn es keiner der Engländer war, sondern einer der
Niederländer?« fragte Claen. »Dann habe wir hundert
gute Leute völlig umsonst gefoltert.«
»Dann fangen wir eben bei den Niederländern an!«
brummte Kunow.
»Und wenn es keiner von denen war, sondern ein Spanier oder
Portugiese? Oder wenn es gar einer von deiner Mannschaft war? Solange
wir nichts wissen, können wir keine Aussagen erpressen, das ist
nun einmal leider so.«
Dieser Einsicht schlossen sich nach und nach auch die anderen Kapitäne
an, abgesehen von Kunow, der es vernünftig fand, erst einmal
alle Niederländer und alle Engländer zu foltern. Als er
erkannte, daß es keine Mehrheit für seinen Vorschlag gab,
sah er seinen Irrtum zwar nicht ein, aber er bestand nicht auf seinem
Verfahren und schwieg verbittert.
»Das geht also nicht«, faßte Stoeff das Ergebnis
der Diskussion zusammen. »Aber irgend etwas müssen wir
doch tun! Und ich habe keine Vorstellung, was das sein könnte.«
»Ich hätte da einen Vorschlag«, sagte Kapitän
Claen. »Vertreter des Gesetzes gibt es hier nicht, doch uns
hindert nichts daran, uns welche zu schaffen. Die Büttel und
Constabler in den Städten sind meist ziemlich dumme Leute. Nichts
hindert uns daran, einen Gesetzesvertreter auszusuchen, der schlau
ist. Ich habe vorhin meinen Wundarzt dabei beobachtet, wie er die
beiden Toten untersucht hat und wie er ganz ruhig erste Folgerungen
gezogen hat, und ich weiß aus den drei Jahren, die er jetzt
bei mir ist, daß er sehr klug ist und viel gebildeter als die
meisten von uns. Ich schlage vor, daß wir ihn zu unserem Constabler
machen, oder wie immer wir das nennen wollen. Wir lassen ihn nachforschen,
und wir geben dies unseren Mannschaften bekannt. Jeder ist verpflichtet,
ihm umfassend Auskunft zu erteilen. Vielleicht findet er ja durch
schlaues Fragen und Herumsuchen heraus, bei wem wir mit dem Foltern
beginnen können.«
»Valten Went?« fragte Stoeff. »Keine schlechte Wahl,
glaube ich. Ich kenne den Burschen auch ganz gut«, sagte er,
an die anderen gewandt. »Mein Eindruck von ihm ist: Der Kerl
ist fast zu schlau, um zu uns zu gehören. Wenn einer das Rätsel
lösen kann, dann er.«
Claen sah ihn erstaunt an. So warmen Zuspruch hatte er nicht erwartet.
»Woher kennst du ihn so gut?«
»Ich habe mich oft mit ihm unterhalten. Hier gibt es nicht allzuviel
Leute, mit denen man auch mal über etwas anderes sprechen kann
als bloß über das Rauben und Saufen. Damit will ich keinem
der anwesenden Herren zu nahe treten.«
»Ich bin dafür«, sagte Pelsaert. »Wir haben
keine andere Wahl, und wenn das stimmt, was Claen und Stoeff sagen,
dann ist es sogar eine gute Wahl.«
»Ich kenne ihn auch«, sagte Nicolaus Jarre. »Dafür!«
Der Spanier und der Niederländer stimmten ebenfalls zu. Nur Kunow
schmollte noch, aber als er sah, daß ihn alle anblickten, knurrte
er: »Dafür.« Nach längerem Nachdenken war inzwischen
selbst ihm klar geworden, daß man nur foltern konnte, wen man
gefangen hatte.
Claen forderte die anderen auf, sitzenzubleiben. Er trat vor die Tür
und schickte nach seinem Wundarzt. Der war in der Nähe und traf
ein, als Claen sich gerade wieder an die Stirnseite seines Eichentisches
setzte.
»Valten!« sagte Claen leutselig, »nimm bitte Platz.«
Valten Went grüßte in die Runde und setzte sich dann auf
den freien Stuhl neben dem Niederländer.
»Wir haben Großes mit dir vor«, sagte Claen und
erläuterte ihm in gebotener Kürze, was von ihm erwartet
wurde.
Valten Went wußte erst nicht, was er dazu sagen sollte. Daß
die Herren Kapitäne ihn für geeignet hielten, die Untersuchung
eines Doppelmordes zu leiten, schmeichelte ihm, doch zweifelte er
daran, dieser Aufgabe gewachsen zu sein. Er war Arzt, kein Constabler.
Er konnte Wunden untersuchen, konnte sie mit heilenden Salben bestreichen,
konnte Verbände anlegen, konnte Arme oder Beine amputieren und
schmerzlindernde Getränke brauen und verabreichen. Das alles
hatte er oft genug getan, um zu wissen, daß er ein guter Wundarzt
war. Aber unter diesem wilden Haufen herumzulaufen und allen Fragen
zu stellen, das lag ihm nicht. Würden ihm überhaupt die
richtigen Fragen einfallen? Würde er vernünftige Antworten
bekommen? Der Täter – falls es denn nur einer war –
würde ihn sicher belügen. War er in der Lage, eine Lüge
zu erkennen?
Lange schwieg er, die Kapitäne wurden schon ungeduldig. Man erwartete
ein Wort von ihm, doch war er noch nicht bereit, es zu sprechen.
Valten Went überlegte. Er fand es nicht richtig, daß Männer
in ihren Betten ermordet wurden. Schon gar nicht der immer lustige
Jacobszoon, den er besser gekannt hatte als den steifen Engländer
Bird. Der Mord mußte aufgeklärt werden. Und wer kam dafür
in Frage? Allmählich wurde ihm klar, daß Claen –
von dem der Vorschlag gekommen sein mußte, das verstand sich
von selbst – die richtige Wahl getroffen hatte. Vielleicht war
er unfähig, das Verbrechen aufzuklären, aber er war vermutlich
von allen am geeignetsten dafür. Und es konnte nie verkehrt sein,
neue Erfahrungen zu machen.
Valten Went blickte in die Runde und sagte: »Ich mache es.«
»Gut«, sagte Claen. »Wie willst du anfangen?«
»Nun, einen Augenblick muß ich schon darüber nachdenken«,
sagte Valten überrumpelt. »Das kann ich nicht aus dem Ärmel
schütteln. Also erst einmal muß allen bekanntgegeben werden,
daß ich die Untersuchung führe und sie mir Rede und Antwort
zu stehen haben.«
»Ist uns klar«, sagte Claen. »Das haben wir bereits
beschlossen.«
»Danke. Als nächstes: Das sind nun mal ziemlich rauhe Burschen,
und ich bin kein Kämpfer. Wenn mir jemand eine feuert, falle
ich um. Es könnte schon sein, daß einige etwas gegen meine
Fragen haben werden. Darum hätte ich gern zwei Leute zu meiner
Unterstützung. So eine Art Leibwache. Sie sollen nicht selber
ermitteln, nur mich beschützen.«
Heiter sagte Claen: »So besorgt um das eigene Wohl? Aber das
ist kein Problem. Ich gebe dir meine beiden übelsten Schläger.«
»Danke. Als nächstes brauche ich die volle Unterstützung
aller Kapitäne. Wenn ich die Untersuchung führen soll, dann
ohne Ansehen der Person. Auch ihr, die ihr hier im Raum sitzt, müßt
mir alle Fragen beantworten, falls ich welche an euch habe.«
»Denkst du denn, es war einer von uns?« fragte Stoeff
beleidigt.
»Im Augenblick denke ich noch gar nichts«, erwiderte Valten.
»Ich habe ja noch gar nicht angefangen mit den Ermittlungen.
Ich bereite mich nur auf alle Möglichkeiten vor, und ich bin
sicher, genau das habt ihr gewollt, als ihr mir den Auftrag gegeben
habt.«
»Ja, schon«, sagte Stoeff, »aber einer von uns?«
»Nicht alle, mit denen ich spreche, sind verdächtig«,
beruhigte ihn Valten. »Im Gegenteil, die meisten, ja, fast alle,
sind es nicht. Aber trotzdem muß ich doch mit allen reden. Vielleicht
hat jemand etwas beobachtet, oder er hat eine interessante Vermutung.
Also noch einmal: Ich muß mit allen ohne Ansehen der Person
reden dürfen.«
»Das untergräbt unsere Autorität«, sagte Claen.
»Ich weiß nicht recht, ob das wirklich notwendig ist.«
»Wir sprechen doch sonst auch miteinander, ohne daß eure
Autorität untergraben wird. Und es hebt mein Ansehen bei der
Mannschaft, wenn sie sieht, daß ich auch eure Autorität
genieße. Ich habe die Autorität nicht von Gesetzes wegen
oder durch Verdienst, sondern nur deshalb, weil ihr sie mir verleiht.«
»Stimmt«, sagte zu aller Überraschung der finstere
Kunow. »Mich kannst du fragen. Leider weiß ich nichts
über die Morde, aber ich habe keine Hemmungen, dir das mitzuteilen,
und diese Hemmungen sollte keiner von uns haben. Das wäre ja
noch schöner!«
Claen verständigte sich mit den anderen durch Blicke, die meisten
nickten, also sagte er: »Einverstanden. Ohne Ansehen der Person.
Als Ermittler bist du einem Kapitän gleichrangig. Noch etwas?«
»Ja«, sagte Valten Went. »Ich habe meine erste Frage
an die gesamte Runde. Gestern früh gab es eine Besprechung aller
Kapitäne. Das ist ja nichts Seltenes, es gibt Zeiten, da kommt
das jede Woche vor. Üblicherweise wird das Ergebnis der Beratung
im Laufe des Tages bekannt gegeben, und wenn nicht, so ist bisher
doch immer etwas durchgesickert vor der Bekanntgabe. Gestern wurde
nichts bekanntgegeben. Nun kann es natürlich sein, daß
das Gerücht über den Inhalt der Beratung nicht bis zu mir
gelangt ist. Falls es also bekannt ist, worüber beraten wurde,
dann würde ich es gern auch erfahren. Und falls es geheim ist,
würde ich es erst recht gern wissen. Also worum ging es bei der
gestrigen Beratung?«
Die Kapitäne sahen sich an. Valten versuchte, die Blicke zu deuten.
Einige schüttelten die Köpfe. Deren Haltung war klar. Claen
hingegen sah indifferent aus, aber er war es, der schließlich
sprach.
»Worum es bei unserer gestrigen Konferenz ging, sollte im Detail
geheim bleiben. Ganz allgemein gesagt haben wir Pläne für
dieses Jahr besprochen. Mehr brauchst du darüber nicht zu wissen.
Ich versichere dir – im Namen aller?« Er blickte in die
Runde. »Ja, im Namen aller kann ich dir versichern, daß
die Besprechung mit den Morden nichts zu tun hat.«
Pelsaert sah ein wenig verwirrt aus; da er am Vortag noch kein Kapitän
gewesen war, ahnte er so wenig wie Valten, worüber gesprochen
worden war. Doch er ließ es auf sich beruhen.
Valten hingegen hakte noch einmal nach. Es war zwecklos, mehr erfuhr
er nicht. Die erste Kraftprobe mit den Kapitänen war zu seinen
Ungunsten ausgegangen. Sie hatten ihm volle Kooperation zugesichert
und schon bei der ersten Frage gekniffen. Das Ermitteln würde
schwerer werden, als er vermutet hatte – und er hatte es sich
nicht leicht vorgestellt.
»Dann war es das erst einmal«, sagte Valten. »Jetzt
muß nur noch bekannt gegeben werden, daß ich die Ermittlung
leite, dann kann ich anfangen. Und, ach ja, ich brauche meine Leibgarde.
Vielleicht Klapmütz und Schotte, würde ich vorschlagen.«
»Eine gute Wahl«, sagte Claen jovial.
Es klopfte an die Tür, und herein trat ein hochgewachsener, sehniger,
klapperdürrer, rothaariger Engländer. Über die linke
Wange zog sich eine große, häßliche Narbe. Seine
Kleidung war einfacher als die der anderen Kapitäne, aber inzwischen
war auch er einer von ihnen, wie er ohne jede Schüchternheit
sofort sagte: »Mein Mannschaft hat mir zum Captain gewahlt.
Ich gehore jetzt zu die Rat.«
Und er setzte sich auf den freien Stuhl am unteren Ende der Tafel,
genau gegenüber von Claen. Der mochte nicht gleich mit einem
Streit über die Etikette beginnen und duldete es unkommentiert.
Der Neue würde schon noch merken, was sich schickte und was hier
üblich war.
»Du bist Murdock«, stellte Pelsaert fest.
»Ja, bin ich. Falls mich nicht alle naher kennen: Ich hatte
schon mal Kommando, habe aber gegen Ubermacht meine Schiff verloren
und dem gesamten Mannschaft. Aber ich bin aus spanischer Gefangenschaft
gefluchten, und Bird hat mir genommen auf seine Schiff. Zwar war ich
bei ihm nur eine Matrose wie viele andere, aber ich habe ihn sometimes
vertreten, und ich bin so gute Kampfer, daß mir meine Mannschaft
gewahlt und nicht die Steuermann.«
»Gut, Captain Murdock«, sagte Claen. »Willkommen
im Kapitänsrat. Für die heutigen Beschlüsse bist du
allerdings zu spät gekommen.«
»Ihr werdet mir erzahlen?«
»Werden wir«, sagte Claen.
»Ihr habt lange miteinander beraten über die Nachfolge«,
sagte Valten zu Murdock. »Gibt es unter der Mannschaft Vermutungen,
wer Kapitän Bird ermordet haben könnte?«
»Wir stehen vor eine Ratsel«, sagte Murdock. Dann blickte
er Valten erstaunt an. »Ist er auch eine Captain?« fragte
er. »Ich dachte, er ist Doctor.«
»Ab heute ist er mehr als das«, sagte Claen. »Er
wird in unser aller Auftrag und mit unserer uneingeschränkten
Unterstützung ermitteln, wer die beiden Kapitäne ermordet
hat.«
»Eine Doctor?« fragte Murdock.
»Sagen wir so«, antwortete Claen. »Valten Went ist
gebildet und sehr klug. Wir alle hier sind der Überzeugung, für
die vor uns stehende Aufgabe ist er unser bester Mann!«
Die Kapitäne nickten, Valten Went fühlte sich großartig,
und Murdock akzeptierte, was die anderen beschlossen hatten.
Valten stützte den Kopf auf die Hände und dachte nach. Wenn
es auch mit der Unterstützung der Kapitäne nicht weit her
war, so hatte er doch einen erstaunlichen Aufstieg geschafft, und
das, ohne sich darum bemüht zu haben. Unter den Piraten war er,
obwohl er nicht kämpfen konnte, zu jemandem geworden, dem Ansehen
zugebilligt werden mußte. Auf Grund einer Fähigkeit, von
der er gemeint hatte, sie sei unter Piraten wenig gefragt: des Denkvermögens.
Mehr konnte er in dieser Gesellschaft nicht erreichen. Jetzt brauchte
er bloß noch den Mörder zu finden, dann war alles in Ordnung.
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